Die Macht der göttlichen Moral

Warum Evangelikale nicht nur in Costa Rica Wahlen gewinnen können. Ein Kommentar.

Von Toni Keppeler

Fabricio Alvarado ist der Shootingstar der Präsidentschaftswahl in Costa Rica. 25 Prozent haben dem ultrarechten Politiker am Sonntag die Stimme gegeben, einen Monat vorher war er noch nahezu unbekannt. Am 1. April wird er in der Stichwahl gegen den Kandidaten des wegen Korruptionsskandalen unbeliebten Präsidenten Luis Guillermo Solís antreten.

Kommentatoren haben den Sieg Alvarados damit erklärt, dass er seinen Wahlkampf zuletzt auf ein einziges Thema konzentriert hat: Ein Urteil des Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshofs vom 9. Januar, das Costa Rica verpflichtet, die gesetzliche Grundlage für die Ehe für alle zu schaffen. Alvarado, nebenberuflich ein evangelikaler Prediger, kündigte an, er werde das Urteil ignorieren. Damit hatte er die evanglikalen Christen auf seiner Seite, in Costa Rica rund 15 Prozent. Der Rest seiner Wähler waren nach dieser Deutung reaktionäre Katholiken.

Diese Erklärung greift zu kurz. Evangelikale Kandidaten brauchen kein Urteil zur Homo-Ehe, um eine Wahl gewinnen zu können. Sie haben in Lateinamerika seit längerem Konjunktur. Auch Jimmy Morales hatte bei seinem Wahlsieg vor zwei Jahren in Guatemala den Bonus, Baptistenprediger zu sein. In Brasilien gibt es im Parlament einen parteiübergreifenen Zusammenschluss evangelikaler Abgeordneter, ohne den so gut wie kein Gesetz mehr zu machen ist. Ähnlich bigotte Klüngel sitzen in vielen Parlamenten.

Letztlich profitieren die demonstrativ frommen Christen vom Niedergang der traditionellen Parteien. Spätestens seit dem Skandal um den Baukonzern Odebrecht weiß man, dass es in der Region kaum eine Partei gibt, die sich nicht über Korruption finanziert hat. Die Evangelikalen dagegen tragen den Anspruch göttlicher Moral vor sich her. Das macht sie für weniger gebildete Wähler glaubwürdig – bis zum ersten Sündenfall, und der lässt meist nicht lange auf sich warten. In Guatemala ist Präsident Morales fast nur noch mit seinen Skandalen beschäftigt.

Evangelikale Kirchen, das weiß man seit dem Bericht der Rockefeller-Kommission von 1975, wurden vom US-Geheimdienst CIA gezielt in Lateinamerika eingepflanzt. Die Menschen sollten ihr persönliches Seelenheil suchen, keine sozialen Umstürze. Diese Kirchen haben sich besorgniserregend ausgebreitet – so sehr, dass ihre Prediger heute Wahlen gewinnen können.

woz, 8.2.2018