Herr Clinton baut Haiti auf

Wie der ehemalige US-Präsident einem Textilkonzern mit Hilfsgeldern ein Industriegebiet schenkte und wie dieser Konzern heute die Arbeiterinnen betrügt. Ein Besuch, fünf Jahre nach dem Erdbeben von Port-au-Prince.

Von Toni Keppeler

Erdbeben kommen nicht auf Bestellung und trotzdem gibt es immer irgend einen, der darauf vorbereitet ist. Das Beben, das am 12. Januar 2010 um 16:53 Ortszeit die haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince erschütterte, rund 300.000 Menschen tötete und fast zwei Millionen obdachlos machte, das hatte wirklich niemand erwartet. Über hundert Jahre hatte sich die Erde hier nicht mehr nennenswert bewegt. Aber William Jefferson Clinton, von 1993 bis 2001 Präsident der USA und seit 2009 Uno-Sondergesandter für Haiti, hatte schon einen Plan in der Schublade für das, was nach dem Erdbeben zu tun sei: Einen Industriepark wollte er bauen lassen, voller Fabriken, in denen tausende von Frauen im Akkord T-Shirts, Unterwäsche und Pullover nähen. Das arme Haiti als Billiglohn-Konkurrenz für das arme Bangladesch.

Schon Monate vor dem Beben, im Oktober 2009, hatte der Sondergesandte Clinton bei einem Treffen mit Unternehmern in Port-au-Prince versucht, Investoren für diesen Plan zu finden. Nachdem 2008 die tropischen Wirbelstürme Fay, Gustav, Hanna und Ike über Haiti gezogen waren und rund 800 Tote und einen Schaden von mehr als einer Milliarde US-Dollar hinterlassen hatten, sollte dem Land geholfen werden. Aber die internationale Hilfe war schmal und kein Unternehmer wollte Geld in die Hand nehmen für ein Industriegebiet im äußersten Norden Haitis, in der Nähe des Dorfes Caracol. Mindestens 20.000 Arbeitsplätzen sah Clintons Plan dort vor, ein Kraftwerk, einen Hafen und eine Gated Community für die Manager.

Nach dem Erdbeben zog Clinton diesen Plan aus der Schublade. Geld spielte plötzlich keine Rolle mehr, die internationale Gemeinschaft hatte über zehn Milliarden US-Dollar für Haiti zugesagt. Es fügte sich, dass Clinton zu seinem Amt als Uno-Sondergesandter auch noch einer der beiden Vorsitzenden der im April 2010 eingerichteten „Interim Haiti Recovery Commission“ wurde, über die dieses Geld ausgeschüttet werden sollte. So steht heute ein funkelnagelneuer Industriepark in Caracol, einem Ort, in dem man von der Katastrophe in Port-au-Prince aus den Radionachrichten erfuhr. Hier oben im Norden hat man nichts vom großen Beben gespürt, erinnert sich Bürgermeister Colas Laundry. „Wirklich, rein gar nichts.“

In Port-au-Prince gibt es etwas Vergleichbares nicht. Zwar sind die meisten Trümmer nach fünf Jahren weggeräumt, aber es kamen auch neue dazu. Mitten im Zentrum, nur ein paar Schritte vom Marsfeld entfernt, sieht es heute so aus, als sei das Beben erst gestern geschehen. Hügel aus Schutt, dazwischen ein paar halb stehen gebliebene Wände mit leeren Fensterlöchern und nichts dahinter. Die Regierung von Präsident Michel Martelly hat dort eine Fläche von dreißig Hektar mit schwerem Gerät platt machen lassen; Mietskasernen, noch keine dreißig Jahre alt. Sie hatten das Erdbeben überstanden.

Martelly will dort ein neues Regierungszentrum bauen lassen. Er träumt von breiten mit Palmen gesäumten Straßen, Parks mit gepflegtem Rasen und neuen Ministerien, die modern und elegant sein sollen, mit neoklassizistischen Elementen, um an das alte Port-au-Prince zu erinnern. 400 Millionen US-Dollar soll das kosten. Wie viele Menschen für diesen Traum aus ihren Wohnungen vertrieben wurden, darüber hat die Regierung keine Zahlen. Bislang stehen vom neuen Zentrum nur ein paar Kilometer Bauzäune aus Blech, angestrichen in den Nationalfarben Rot und Blau. Dahinter bewegt sich nichts.

Auch in Caracol mussten Menschen weichen. Wo heute der Industriepark steht, war vorher bestes Ackerland. 366 Kleinbauern bauten dort Kartoffeln an, Yucca, Bohnen Mais und Bananen. Die reicheren hatten auch ein paar Rinder. Sie versorgten die rund 10.000 Einwohner von Caracol mit dem Nötigsten. Das ist viel wert in einem Land, dessen Landwirtschaft durch subventionierte Lebensmittelimporte aus den USA in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend zerstört worden ist. „Wenn man mich gefragt hätte, ich hätte anderes Land für den Industriepark gegeben“, sagt Bürgermeister Laundry. „Hier wohnten ja schon Leute und hatten ihr Auskommen.“ Aber niemand hat ihn gefragt. Das Rathaus wurde nicht einmal informiert. Am ersten Jahrestag des Erdbebens begann die Vertreibung der Bauern.

Charles Dufort hatte dort seinen Hof und redet sich schnell in Rage. „Sicher, man hat uns Geld angeboten“, sagt er. „Erst waren es nur Almosen, dann ein bisschen mehr.“ Er setzt den Strohhut ab, wischt sich mit breiten Händen den Schweiß vom runden Schädel. Er schimpft, auch auf sich selbst. Ein Bündel Geldscheine, so dick, wie er es vorher nie gesehen hatte, das sei halt auch eine Versuchung. Manche hätten sich davon ein Häuschen gebaut, andere ein gebrauchtes Auto gekauft. Die seien heute Taxifahrer. Ein paar hätten das Geld schnell mit leichten Frauen und Rum durchgebracht, viel war es ja nicht gewesen. „Wir haben alle weniger bekommen, als wir vorher hatten.“ Halunken seien das, die von der Fabrik. Dufort hat ein Stück Brache gekauft. „Geld ist irgendwann weg“, sagt er. „Das Land aber bleibt und es hat mir immer das gegeben, was ich brauchte.“ Nur das, was er jetzt besitze, „das hat keinen Wert“. Aber etwas besseres war nicht zu haben.

Die von der Fabrik, das sind Koreaner. Clinton hat sie ins Land gebracht. Es fügte sich, dass seine Frau Hillary zu jener Zeit Außenministerin der USA war. Bei einer Reise von ihr nach Südkorea im Juli nach dem Beben fand in der US-Botschaft in Seoul ein erstes Treffen mit Managern des Textilkonzerns Sae-A statt. Die hatten Haiti als möglichen Produktionsstandort immer wieder in Erwägung gezogen, hielten das Land aber seinerzeit für unrentabel, weil im Parlament gerade darüber debattiert wurde, den gesetzlichen Mindestlohn von umgerechnet 3,50 auf rund 5 US-Dollar am Tag anzuheben.

Doch Hillary Clinton hatte ein Angebot, das sie nicht ablehnen wollten. Schon im September 2010 reisten Sae-A-Vertreter nach Washington und unterzeichneten dort ein „Memorandum of Understanding“ mit der US-Regierung und der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB). Der Textilkonzern versprach darin, in den kommenden Jahren 20.000 Arbeitsplätze in Caracol zu schaffen - wenn im Gegenzug die Regierung von Haiti das Land zur Verfügung stellt, die IDB für 100 Millionen US-Dollar die nötige Infrastruktur inklusive der Fabrikgebäude bauen lässt und die staatliche Entwicklungsagentur USAID weitere 124 Millionen Dollar in ein Kraftwerk, einen Hafen und die Gated Community für die koreanischen Manager steckt. Sae-A wird in Haiti für fünfzehn Jahre von allen Steuern befreit und bekommt Vorzugsbedingungen beim Export in die USA. Die Nähmaschinen, versprachen die Manager, würde man dann schon selbst mitbringen.

Arbeitsrechtler schlugen über diesen Deal die Hände über dem Kopf zusammen. Man kennt Sae-A in diesen Kreisen. Der 1986 gegründete Textilkonzern, der mit dem Slogan „Eine Welt der Hoffnung mit jedem Stich“ für sich wirbt, gehört zu den Großen im internationalen Geschäft mit billigen Klamotten. Nach eigenen Angaben lässt er jeden Tag mehr als eine Million Kleidungsstücke produzieren und ist einer der größten Lieferanten der US-Konzerne Walmart und GAP.

Sae-A sei „ein großer Spieler in einer schmutzigen Industrie“ und habe „eine Skandalgeschichte mit einem Grad an Skrupellosigkeit, die weit über das Übliche dieser Branche hinaus geht“, sagt Scott Nova vom Workers Rights Consortium, einer Monitoring-Gruppe, die von über 200 Universitäten in den USA, Kanada und Großbritannien getragen wird. Der US-Gewerkschaftsverband AFL-CIO veröffentlichte im Dezember 2010 ein Memorandum über den Konzern, in dem „schlimmste kriminelle Vergehen“ in einer Sae-A-Fabrik in Guatemala dokumentiert werden; von Bestechung über Todesdrohungen und Freiheitsberaubung bis hin zur Vergewaltigung einer Arbeiterführerin und das alles mit dem Ziel, „die lokale Gewerkschaft zu zerstören“. Sae-A reagierte: Im Herbst 2011 wurde die Fabrik in Guatemala geschlossen. Die lokale Presse titelte damals: „Näherei macht dicht und geht nach Haiti.“

Selbst im Finanzministerium in Washington gab es Zweifler. Dessen Vertreter in der Geschäftsführung der IDB enthielt sich der Stimme, als es um die Freigabe der ersten 55 Millionen Dollar für den Bau des Industrieparks in Caracol ging - ein diplomatischer Affront. Das Finanzministerium hatte gerügt, dass kein Umweltgutachten erstellt worden sei, das diesen Namen verdiene. Die Bucht von Caracol wird von Mangrovenwäldern und einem Riegel von Korallenriffen gesäumt; ein fragiles Ökosystem, in dem seltene Tierarten wie die Lederschildkröte und der Judenfisch Zuflucht finden. Kolumbus soll dort bei seiner ersten Reise in die neue Welt gelandet sein, weshalb der Strand nach seinem Schiff „Santa María“ heißt. Die Gegend war erst kurz vor dem Erdbeben zum Meeresschutzgebiet erklärt worden. Dort soll der Hafen für den Export der Produktion aus dem Industriepark entstehen. Die Mehrheit der IDB-Geschäftsführer wischte Bedenken mit dem Argument vom Tisch, die Notlage nach dem Erdbeben erfordere ein beschleunigtes Verfahren.

Zeitnot gab es tatsächlich, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Nach dem Erdbeben hatte der US-Kongress 1,14 Milliarden Dollar Hilfe für Haiti genehmigt. Der größte Teil davon waren für den Schuldendienst des Landes reserviert, für das Gesundheitswesen und für die Justiz. Mit 412 Millionen sollte der Wiederaufbau unterstützt werden. Sechzehn Monate nach dem Beben aber war noch nicht einmal ein Prozent dieser Summe ausgegeben. Die Kongress-Abgeordneten murrten und wollten Ergebnisse sehen. Die lassen sich nun in Caracol besichtigen.

Von außen ist nicht viel zu sehen: Ein langer hoher Zaun, dahinter freies Feld. Rund einen Kilometer fährt man am Zaun entlang, dann kommt ein breites Gatter aus Eisen, in der Mitte ein Wachhaus. Auf der Plattform davor stehen fünf Männer mit Sonnenbrille und militärisch anmutenden Uniformen. Ihre Hartplastikschützer an Schienbeinen und Knien erinnern an Sondereinheiten der Polizei für Einsätze bei Krawallen. Jeder hält eine kurze doppelläufige Schrotflinte in den Händen. Männer aus dem Dorf, die eine Anstellung gefunden haben.

Bürgermeister Laundry kennt sie und geht scherzend auf sie zu. Er ist ein schmaler Mann, der immer lacht und jedem auf die Schulter klopft. Er plaudert eine Weile mit den Wächtern, dann kommt er schnellen Schritts zurück zum Wagen. Das Eisentor wird zur Seite geschoben. „Schnell“, sagt Laundry. „Bevor sie es sich anders überlegen.“ Der Industriepark liegt zwar auf seinem Gemeindegebiet, aber zu sagen hat er hier nichts. Alles, was hinter dem Zaun liegt, ist gewissermaßen exterritoriales Gebiet.

Eine einsame vierspurige asphaltierte Straße, wie es sonst keine gibt in ganz Haiti, führt scheinbar ins Nichts. Erst nach ein paar hundert Metern tauchen die Fabrikhallen auf: Zweckbauten aus Metall, angestrichen in der freundlichen Farbe des tiefblauen Himmels. Die Blechdächer glänzen silbrigweiß unter der harten tropischen Sonne. Links drei langgestreckte Gebäude der S & H Global S.A. - der Name der haitianischen Tochter von Sae-A. Knapp 4.000, nicht die versprochenen 20.000 Arbeiterinnen nähen dort für den Weltmarkt. Auf der gegenüberliegenden Seite beschäftigt der US-amerikanische Farbenhersteller Sherwin Williams zwanzig Männer, dahinter stehen ein paar Hallen leer. Große Ventilatoren surren leise und blasen Frischluft in die heißen Fabriken. Kaum ein Mensch ist auf der Straße. „Nein“, sagt Bürgermeister Laundry. Rein in die Fabriken komme man nicht. „Keine Chance.“

Noch einmal einen Kilometer weiter ist das Kraftwerk. Ein großes Schild weist darauf hin, wer es gebaut und bezahlt hat: USAID. Man hat sich dafür entschieden, Strom aus Schweröl zu gewinnen. Das verpestet zwar die Luft wie kaum ein anderes Kraftwerk, aber es war die billigste Lösung. Immerhin: Caracol ist nicht an die nationale Energieversorgung angeschlossen und bekommt jetzt überschüssigen Strom aus dem Industriepark. Ob das auch noch so sein wird, wenn die Kapazitäten voll ausgebaut sind - Laundry hat seine Zweifel.

Vom Hafen in der Bucht von Caracol ist noch nichts zu sehen. Die Arbeiten wurden verschoben, weil USAID keine Erfahrung mit dem Bau von Hochseehäfen habe, heißt es im Bericht des US-Rechnungshofs für das Jahr 2013. Die Kosten für Kraftwerk und Hafen aber würden sich voraussichtlich von den veranschlagten 124 Millionen auf 189 Millionen US-Dollar erhöhen.

In der Theorie wollte Clinton etwas ganz anderes. Im Vorwort eines Berichts seines Büros vom November 2012 schreibt er: „Wir haben uns für Programme eingesetzt, die den Haitianern gehören und von ihnen geleitet werden, mit mehr Geld, das über haitianische Institutionen fließt.“ Die notorisch schwache öffentliche Verwaltung des Landes und lokale Dienstleister sollten beim Wiederaufbau gestärkt werden.

Tatsächlich wurden nach Clintons eigenen Berichten weniger als zehn Prozent der multi- und bilateralen Aufbauhilfe über die Regierung Haitis kanalisiert, haitianische Organisationen und Unternehmen bekamen sogar weniger als 0,6 Prozent. Die größten Empfänger von Hilfsgeldern waren das Beratungsunternehmen Chemonics aus den USA mit fast 200 Millionen US-Dollar und der dominikanische Baukonzern Estrella mit über 100 Millionen. Und indirekt natürlich Sae-A: In dem Industriepark, der dem südkoreanischen Konzern zur Verfügung gestellt wurde, stecken 224 Millionen Dollar öffentliche Gelder.

Auch die US-Armee hat kräftig abgezockt. Die hatte, ohne bei der haitianischen Regierung nachzufragen, wenige Tage nach dem Beben das Kommando über Port-au-Prince übernommen. Angeblich sollten die Soldaten das Chaos in der Hauptstadt lichten. Tatsächlich ging es eher darum, eine Fluchtwelle verzweifelter Haitianer in die USA zu verhindern. Über der zerstörten Stadt kreisten damals Militärhubschrauber, die über Lautsprecher verkündeten, eine Flucht übers Meer sei sinnlos, alle würden wieder zurückgeschickt. Dieser Einsatz, inklusive der Kosten eines vor der Küste liegenden Flugzeugträgers, wurden aus der Nothilfe für Erdbebenopfer bezahlt.

Für die Opfer selbst blieb nicht viel übrig. Auch fünf Jahre nach dem Beben leben noch viele in damals errichteten Zeltstädten. Regierungssprecher Kitler Auguste sagt, es seien nur noch 7.000 von einst 1,5 Millionen. Der Augenschein in Port-au-Prince deutet darauf hin, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegt. Dazu kommen Zehntausende in Ruinen. Entlang der Straße, die von Port-au-Prince in den südwestlichen Vorort Carrefour führt, ist kaum ein Gebäude intakt. Etlichen fehlt die Außenwand. Die offen daliegenden Zimmer im ersten und zweiten Stock werden mit an die Ruine gelehnten Leitern erklommen.

Die großen Zeltstädte im Zentrum wurden für das Projekt des neuen Regierungsviertels geräumt. Man drückte jeder dort wohnenden Familie einfach 400 Dollar in die Hand und sagte, sie solle verschwinden. Aber wohin? Sicher nicht in die neuen Hotels, die im über dem Elend von Port-au-Prince liegenden Nobelvorort Petionville gebaut wurden. Regierungssprecher Auguste zählt gerne all die internationalen Ketten auf, die sich dort niedergelassen haben. „Haiti is open for business“, zitiert er einen gerne verwendeten Slogan von Präsident Martelly. Neben Industrieparks wie dem in Caracol liege die Zukunft des Landes im Tourismus.

Für Zehntausende von Erdbebenopfern liegt die Zukunft in Canaan und Corail, zwei neu entstandene Siedlungen gut fünfzehn Kilometer außerhalb von Port-au-Prince. Hilfsorganisationen haben dort einfache Unterkünfte gebaut: lange Reihen von kleinen Häuschen, die Wände aus dünnem Sperrholz, gestrichen in freundlichen Pastellfarben. Rund drei mal vier Meter groß ist der einzige Raum, gedacht für eine ganze Familie. Je vier dieser Unterkünfte teilen sich eine Latrine.

„Am Tag hält man es unter dem Blechdach nicht aus“, sagt Rose Marie Zala, die mit Mann und zwei halbwüchsigen Mädchen in so einer Unterkunft wohnt. „Das ist wie im Ofen.“ Wasser gibt es nicht. Zala kauft es eimerweise, von einem durchfahrenden Tanklaster und der komme nicht jeden Tag.

Rund um Corail und dem dahinter auf einem kahlen Hügel liegenden Canaan gibt es keine Arbeit. Zala lebt wie die meisten hier vom informellen Handel. Sie kauft „Taschen, Schuhe oder einfach alles“ auf den Märkten in Port-au-Prince und geht damit in der Siedlung von Haus zu Haus. „Wenn ich Glück habe, mache ich zehn Prozent Gewinn“, sagt sie. Weil aber jeder an jeden verkauft, „wird es immer schwerer, Kunden zu finden“. Und manchmal werde ihr der Gewinn auch wieder abgenommen. Banden beherrschen die neuen Viertel. Kaum irgendwo in Haiti gibt es ähnlich viele Verbrechen, vom Dienstahl über Erpressung und Kinderprostitution bis hin zum Mord. „Canaan und Corail, das sind jetzt schon gescheiterte Städte“, sagt Frantz Duval, Chefredakteur des Nouvelliste, der einflussreichsten Tageszeitung des Landes. „Hier wurde ein neues Cité Soleil gebaut.“

Cité Soleil ist das verrufenste Armenviertel von Port-au-Prince. Es ist in den siebziger Jahren entstanden, als der damalige Diktator Jean-Claude Duvalier die ersten Lohnnähereien ins Land holte. Die Aussicht auf einen Arbeitsplatz lockte viel mehr Menschen in die Hauptstadt, als von der Billiglohn-Industrie aufgenommen wurden. Sie landeten in Cité Soleil. Einen ähnlichen Effekt befürchtet nun Bürgermeister Laundry in Caracol. Bestimmt 2.000 seien schon gekommen, die Preise für Grundstücke und Häuser explodiert.

Noch liegt das Dorf verschlafen in der Hitze. Eine Kreuzung aus zwei breiten staubigen Feldwegen, drum herum Gruppen von Häusern mit Wänden aus Lehm und Dächern aus rostigem Blech. Dazwischen trocknet Wäsche. Die Männer fahren in kleinen Holzbooten zum Fischen aufs Meer, die Frauen gewinnen Meersalz. Hinter dem Mangrovenwald graben sie quadratische Gruben in die Erde, vielleicht zwanzig auf zwanzig Meter und so tief, bis das salzige Grundwasser zu Tage tritt. Das wird von der Sonne so eingedickt, dass sich grobe Salzkristalle bilden. Die werden abgeschöpft und in kleinen Pyramiden getrocknet. „Arme Leute“, sagt der Bürgermeister. Mit dem Salz verdiene man noch weniger als in der Fabrik.

Rose Nardel Bazil, eine 26-jährige alleinerziehende Mutter mit vierjähriger Tochter, arbeitet seit über zwei Jahren für Sae-A. Es ist Sonntag, ihr einziger freier Tag in der Woche. Sie schlendert in kurzer Sporthose und Trägershirt durchs Dorf, das krause schwarzes Haar hat sie in vielen Zöpfchen eng an den Kopf geflochten. Von Montag bis Samstag näht sie Etiketten an T-Shirts, 52 Stunden in der Woche, obwohl das Gesetz höchstens eine 48-Stunden-Woche vorsieht. „6.000 Etiketten in der Stunde sind die Norm“, erzählt sie schüchtern. „Ich schaffe 7.500.“ Dafür bekommt sie 200 Gourde am Tag, ein bisschen mehr als vier Dollar. Das ist der gesetzliche Mindestlohn für Lehrlinge. Bereits angelernte Arbeiterinnen müssten nach dem Gesetz 300 Gourde bekommen und noch ein bisschen mehr, wenn sie im Akkord arbeiten und die Norm überbieten.

Das Workers Rights Consortium nennt das „Diebstahl an den Armen“. In einer Umfrage unter Arbeiterinnen stellten die Arbeitsrechtler 2013 fest, dass Sae-A durchschnittlich nur 201 Gourde am Tag bezahlt, 33 Prozent weniger als der Mindestlohn. Doch Karen Seo, PR-Managerin in der Konzernzentrale, rechtfertigt sich: „Sae-A erfüllt peinlich genau das, was die Regierung von Haiti verlangt“, schreibt sie in einer E-Mail. Wahrscheinlich hat sie sogar recht. Staatliche Sozialarbeiter für den Industriepark bestätigen, dass das Arbeitsministerium mit der dauerhaften Bezahlung des niedrigen Lehrlingslohns einverstanden ist.

Die Arbeiterinnen sind es nicht. Es gab schon kleinere Proteste und auch eine Demonstration gegen Sae-A. Die Menschen in Caracol mögen langmütig sein; irgendwann werden sie rebellisch. Anfang des vergangenen Jahrhunderts, während einer der vielen Militärinterventionen der USA, war der Widerstand in dieser Gegend besonders militant. Für die gefangenen Rebellen errichtete die US-Armee ein Arbeitslager, das berüchtigt war für die Misshandlung der Häftlinge. Es hieß Chabert Post und stand dort, wo heute der Industriepark ist.

Krise entschärft, Protest geht weiter

Zuletzt sollte in Haiti am 26. Oktober 2014 gewählt werden: das Abgeordnetenhaus und zwanzig der dreißig Senatoren. Doch nichts passierte. Um die Mittagszeit gab Präsident Michel Martelly bekannt, was alle schon wussten: Es gab keine Wahl. Statt dessen gab es Demonstrationen der Opposition, die regelmäßig in blutigen Straßenschlachten mit der Polizei endeten.

Die Wahl sollte eigentlich bereits 2011 stattfinden. Doch das von Martelly eingebrachte neue Wahlgesetz wird im Senat von der Opposition blockiert, weil es nach deren Ansicht dem Präsidenten die Kontrolle über die Wahlbehörde gebe und so Tür und Tor für einen Wahlbetrug öffne. Bereits 2012 lief die Amtszeit von zehn Senatoren ab. Jetzt, am 12. Januar, scheiden nach dem Gesetz weitere 10 Senatoren und alle 99 Mitglieder des Abgeordnetenhauses aus. Martelly wäre danach ohne parlamentarische Kontrolle und könnte diktatorisch per Dekret regieren. Straßenproteste fordern deshalb seinen Rücktritt.

Immerhin: Premierminister Laurent Lamothe, den Martelly als Nachfolger aufbauen wollte, musste Mitte Dezember gehen. Kurz vor Jahresende einigten sich dann Präsident, Parlament und Senat auf Evans Paul, ehemals Bürgermeister von Port-au-Prince, als neuen Permier. Die zehn Senatoren, die eigentlich ausscheiden müssten, bleiben bis April im Amt, die Abgeordneten bis zum September. Davor sollen die vielfach verschobenen Wahlen stattfinden. Haitis Verfassungskrise ist vorerst entschärft. Die Proteste auf der Straße aber gehen weiter.

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Die Recherchen für diese Geschichte wurden von der Rudolf Augstein Stiftung im Rahmen des Wettbewerbs „Sagen, was ist“ aus Anlass des 90. Geburtstags des Namensgebers finanziert.