Und wieder droht ein Massaker

In Kolumbien werden Menschenrechtler und Gewerkschafter ermordet und der Staat tut nichts. Ein Kommentar.

Von Toni Keppeler

Die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) erfüllen, was sie versprochen haben: In der vergangenen Woche hat die dafür zuständige Mission der Vereinten Nationen mehr als neun Tonnen ihrer Waffen vernichtet – ein Großteil des Arsenals der Guerilla, aber noch nicht alles. Die Entwaffnung der Aufständischen hinkt über einen Monat hinter dem Zeitplan des Friedensvertrags her, aber das ist nicht die Schuld der Farc, sondern die der Regierung. Die Lager, in denen sich die Guerilla-Einheiten zur Demobilisierung gesammelt haben, sind nicht rechtzeitig fertig geworden.

Nach über fünfzig Jahren Krieg mit mehr als 220.000 Toten und über 6 Millionen Vertriebenen sind solche Verzögerungen zweitrangig. Viel fataler ist ein anderes Versäumnis der Regierung: Der Staat ist nicht fähig, in den Gegenden für Sicherheit zu sorgen, in denen die Guerilla vor ihrem Abzug einzige Ordnungsmacht war. Dabei war abzusehen, dass ultrarechte Paramilitärs in diese Zonen einzurücken würden, sobald die Farc verschwunden ist. Nicht nur, weil es dann leicht ist, an tatsächlichen oder eingebildeten Unterstützern der Guerilla Rache zu nehmen. Diese Gegenden – etwa die abgelegenen Provinzen Caquetá, Putumayo und Meta – sind wichtige Koka-Anbaugebiete. Das Geld liegt dort im Dschungel.

Der Staat nennt die seit 2006 offiziell aufgelösten Paramilitärs heute verniedlichend „Bacrim“ (für „bandas criminales“), obwohl diese „Banden“ zum Teil mehrere tausend Mann unter Waffen haben. Sie haben in diesem Jahr schon über fünfzig Gewerkschafter, Bauernführer und Menschenrechtler ermordet. Es lässt sich leicht ausmalen, was passieren kann, wenn die demobilisierten Farc-Kämpfer demnächst den Schutz ihrer Lager verlassen werden. Schon einmal, Mitte der 1980er-Jahre, hatte ein Teil der Farc die Waffen niedergelegt und die Linkspartei Unión Patriótica aufgebaut. Ihre über 3.000 Mitglieder wurden allesamt ermordet. Sollte es noch einmal zu so einem Massaker kommen, träfe Präsident Juan Manuel Santos ein Großteil der Schuld.

woz, 13.7.2017