Strukturwandel in der Unterwelt

2016 wurden in Mexiko einflussreiche Drogenbosse verhaftet, die Gewalt aber nimmt wieder zu. Das organisierte Verbrechen ist nicht mehr nur transnational, sondern auch diversifiziert und lokal.

Von Toni Keppeler

Auf den ersten Blick sieht es fast so aus, als sei die mexikanische Regierung 2016 ganz erfolgreich gewesen, was die Bekämpfung der Drogenkriminalität angeht. Der erste Schlag kam am 8. Januar mit der spektakulären Verhaftung von Joaquín Guzmán, genannt „El Chapo“ – der Stöpsel. Ein halbes Jahr zuvor war der körperlich kleine Chef des mächtigen Sinaloa-Kartells durch einen 1,5 Kilometer langen Tunnel aus dem Hochsicherheitsgefängnis Altiplano geflohen und hatte damit Präsident Enrique Peña Nieto die wohl peinlichste Schmach seiner Amtszeit bereitet. Als er wieder im Gefängnis saß, ging es Schlag auf Schlag weiter. So gut wie jeden Monat meldeten die Behörden, sie seien eines weiteren hohen Drogenbosses habhaft geworden. Zuletzt wurde am 9. Dezember die Festnahme von Alfredo Beltrán Guzmán gemeldet. Der entfernte Verwandte von „El Chapo“ gehört zum Führungszirkel des Beltrán-Leyva-Kartells, das erst ein Verbündeter und nach einem mutmaßlichen Verrat einer der ärgsten Gegner des Sinaloa-Kartells war.

Die Regierung hat solche Festnahmen stets zelebriert, die nationale Sensationspresse hat sie gierig aufgenommen. Das Spektakel aber täuscht darüber hinweg, dass 2016 eines der blutigsten Jahre im mexikanischen Drogenkrieg war. Für die ersten zehn Monate dieses Jahres weist die amtliche Statistik 17.063 Morde im Zusammenhang mit Drogenkriminalität aus – mehr als im gesamten Jahr davor. Die Zahlen nähern sich bedenklich denen der Schreckensjahre 2011 und 2012, die beiden letzten des konservativen Präsidenten Felipe Calderón. Der hatte vor genau zehn Jahren den Drogenkrieg ausgerufen und die Kartelle frontal militärisch angegriffen. Damit hat das große Schlachten begonnen. Sein Nachfolger Peña Nieto von der Partei der institutionalisierten Revolution, seit dem 1. Dezember 2012 im Amt, wollte alles ganz anders machen und tatsächlich sind die Zahlen der Drogenmorde in seinen ersten Jahren langsam, aber kontinuierlich gesunken. Inzwischen jedoch sprechen regierungsunabhängige Sicherheitsexperten in Mexiko-Stadt von einer „zweiten Welle der Gewalt“.

Als Grund dafür gilt die Strategie, auf die sich Peña Nieto mit der US-Antidrogenbehörde DEA verständigt hat: Mit der Verhaftung der Chefs wollte er den großen Kartellen den Kopf abschlagen und damit ihren Körper schwächen. Der Effekt aber war genau entgegengesetzt. „Wenn man diese Organisationen in Ruhe lässt, mögen sie zwar sehr mächtig sein“, sagt Steven Dudley, einer der Direktoren des privaten Instituts Insight Crime, das organisiertes Verbrechen auf dem ganzen Kontinent untersucht. „Wenn man sie aber angreift und zerschlägt, werden sie zu vielen unkontrollierbaren Monstern.“

Genau das ist geschehen. In den Kämpfen um die Nachfolge der verhafteten Bosse spalteten sich die Großkartelle auf. Und weil viele der neuen kleinen Chefs mit der komplexen weltweiten Logistik des Drogengeschäfts nicht vertraut sind, diversifizierten sie ihre Aktivitäten. Vorher war der Schwerpunkt des Geschäfts die Verschiebung von Marihuana, Kokain, Heroin und synthetischer Drogen von Mexiko in die USA. Jetzt gehören Schutzgelderpressung, Diebstahl, Entführungen, Prostitution, illegale Spielcasinos und raubkopierte Datenträger von Filmen und Musik genauso dazu.

Alejandro Hope, Sicherheitsexperte beim wirtschaftsnahen „Mexikanischen Institut für Kompetenz“, nennt dies einen „Strukturwandel in der Unterwelt“: Das Geld werde nicht mehr in erster Linie mit dem Drogenschmuggel in die USA gemacht, sondern mit kriminellen Machenschaften im Lokalen. Die Bevölkerung ist davon direkt betroffen. Gewaltkriminalität konzentrierte sich früher auf für den Drogenhandel strategisch wichtige Orte wie die Grenzstadt Ciudad Juárez. Heute sind lange ruhige Gegenden wie die Bundesstaaten Colima am Pazifik oder Guanajuato im Zentrum genauso gefährlich. Selbst dem vom Massentourismus geprägten karibischen Cancún sagt Hope eine von Gewalt geprägte nahe Zukunft voraus: „Die Kombination aus Kriminalität und Korruption ist dort genau die selbe“ wie im restlichen Land.

Das Geschäft mit den Drogen scheint unter dem Strukturwandel nicht zu leiden. Nirgendwo in den USA wurden Engpässe auf dem Schwarzmarkt festgestellt. Der zukünftige Präsident Donald Trump hält Mexikaner bekanntlich für Drogenhändler und Vergewaltiger und will sich des Problems mit einer Grenzmauer entledigen. Hope findet das lächerlich. „Das mexikanische Heroin, das in einem Jahr in den USA konsumiert wird, passt in 1.800 bis 2.000 Koffer“, sagt er. „Die kann man nicht mit einer Mauer aufhalten.“

woz, 5.1.2017