Das tödliche Erbe der Blauhelme

Nach dreizehn Jahren verlassen die Uno-Soldaten Haiti – und hinterlassen ein großes Desaster.

Von Toni Keppeler

Selten ist eine Mission der Vereinten Nationen so schief gelaufen wie die in Haiti. Ende vergangener Woche nun hat der Uno-Sicherheitsrat einstimmig beschlossen, dass die 2.300 Blauhelme nach dreizehn Jahren bis zum Oktober abgezogen werden. Ein tödliches Erbe der Uno-Soldaten aber wird für viele Jahre bleiben: Cholera.

Ein Jahrhundert lang war Haiti frei von dieser gefährlichen Durchfallkrankheit – bis im Oktober 2010, neun Monate nach einem verheerenden Erdbeben mit rund 250.000 Toten, Blauhelme aus Nepal den Erreger einschleppten. Der Inhalt der Toiletten ihres Lagers wurde in einem Zufluss des Artibonite entsorgt, aus dem über eine Million Menschen ihr Trinkwasser bezieht. Die Krankheit breitete sich rasend schnell aus, bislang sind mindestens 10.000 Menschen daran gestorben, hunderttausende erkrankt. Obwohl die Schuldigen schnell ausgemacht waren, versteckte sich die Uno lange hinter ihrer strafrechtlichen Immunität. Erst im vergangenen Jahr entschuldigte sich ihr scheidender Generalsekretär Ban Ki-moon mit lauwarmen Worten und versprach ein 400 Millionen US-Dollar schweres Programm zur Bekämpfung der Epidemie. Bislang hat die Weltorganisation dafür noch nicht einmal drei Millionen bei ihren Mitgliedern eingesammelt.

Die Cholera ist nur der größte von vielen Uno-Skandalen in Haiti. Immer wieder und zuletzt in der vergangenen Woche wurde bekannt, dass Blauhelme Prostitutionsringe mit Minderjährigen betrieben haben. Die Milliarden schwere internationale Hilfe nach dem Erdbeben, mit der eigentlich ein funktionierender Staat hätte geschaffen werden sollen, wurde vom ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton in seiner Eigenschaft als Uno-Sondergesandter und Vorsitzender der Wiederaufbaukommission vor allem internationalen Bau-, Beratungs- und Textilkonzernen in den Rachen geworfen. Über die haitianische Regierung wurden nicht einmal zehn Prozent der Hilfe abgewickelt, bei haitianischen Firmen und Organisationen kam gerade einmal ein halbes Prozent der Hilfsgelder an. In der Hauptstadt Port-au-Prince aber leben noch heute Zehntausende in Ruinen.

Die Blauhelme kamen 2004 nach dem Sturz des damaligen Präsidenten Jean-Bertrand Aristide durch mit Verbrecherbanden verbündete Unternehmer ins Land. Jetzt gehen sie wieder – und das Land ist mindestens so instabil wie damals.

woz, 20.4.2017