Ein Land löst sich auf

Der Stromausfall, der Venezuela ins Dunkel stürzt, ist ein weiteres Symbol des Zerfalls einer einst funktionierenden Gesellschaft. Ein Kommentar.

Von Toni Keppeler

Die Zukunft Venezuelas liegt im Dunkeln. Am Donnerstag vergangener Woche fiel der Strom aus und mit ihm die meisten Telefonnetze des Landes, das Internet, ein Großteil der Trinkwasserversorgung. Auch fünf Tage danach flackert in den meisten Gegenden des Landes nur ab und zu das Licht, Schulen sind geschlossen, so gut wie niemand geht zur Arbeit. Und – wie nicht anders zu erwarten – widersprechen sich Regierung und Opposition diametral, wenn es darum geht, den Schuldigen für das Desaster zu benennen.

Präsident Nicolás Maduro weist auf die USA, die mit elektronischen Angriffen das wichtigste Kraftwerk des Landes lahmgelegt hätten. Beweise legt er keine vor, aber man kann seiner Version nicht alle Plausibilität absprechen. Schon beim Generalstreik gegen Maduros Amtsvorgänger Hugo Chávez im Jahr 2002 wurde durch elektronische Sabotage die Ölförderung des Landes lahmgelegt – von einer Dienstleisterfirma, die, wie sich später herausstellte, eng mit dem US-Geheimdienst CIA verbandelt war. Genauso plausibel aber ist die Version des selbsternannten Gegenpräsidenten Juan Guaidó, nach der Maduro an allem Schuld sei. Wer in den letzten Jahren auf einem Ölfeld in Venezuela war, weiß, wie verrottet die energetische Infrastruktur des Landes ist, und dass sie wegen Misswirtschaft und Korruption weiter verrottet.

Der Zeitpunkt des größten und längsten Stromausfalls in der Geschichte Venezuelas spielt Guaidó in die Hände. Für ihn ist er ein weiteres Argument für die Untragbarkeit der Regierung Maduro. Er nützt aber auch Maduro: Guaidó will gerade jetzt seine Anhänger landesweit zum finalen Marsch auf die Hauptstadt Caracas mobilisieren. Angesichts des Zusammenbruchs von öffentlichem Transport und Telekommunikation ist das ein nur schwer realisierbares Vorhaben.

Sicher ist derzeit nur eines: Beide Seiten nutzen die Krise zur weiteren Zuspitzung der ohnehin längst verhärteten Konfrontation. Leidtragend ist der Großteil der Bevölkerung, der schon vor dem Stromausfall unter einer Inflation von über einer Million Prozent, Lebensmittelknappheit und einem kollabierten Gesundheitssystem gelitten hat. Seit Venezuela nachts im Dunkeln liegt, häufen sich Berichte über Verzweiflungstaten wie Plünderungen und Überfälle auf Restaurants. So könnte das Desaster am Ende weder Maduro, noch Guaidó nützen, sondern zu einem endgültigen Zusammenbruch jeglicher sozialer Strukturen führen.

woz, 14.3.2019