Durchscheinende Deko-Objekte aus Müll

Margarita Llort ist eine Pionierin in El Salvador: Ihre Firma sammelt Altglas und verwandelt es in Kunsthandwerk.

Von Cecibel Romero

Im zentralamerikanischen El Salvador ist Recycling für die meisten Menschen tatsächlich ein Fremdwort: ein fremdes Wort, dessen Bedeutung man nicht kennt. Es gibt keine Mülltrennung und keine Pfandflaschen, nicht solche aus Glas und schon gar nicht welche aus Plastik. In den Supermärkten verstauen Einpacker die Waren in unzähligen Plastiktüten. Die werden dann später mit Verpackungsmaterial gefüllt, mit Flaschen und Aluminiumdosen, mit Lebensmittelresten und sogar mit Batterien. Der Müllwagen holt diese Tüten regelmäßig ab und bringt sie zur Deponie, meist eine Schlucht außerhalb der Dörfer und Städte, die im Lauf der Jahre langsam mit Abfall aufgefüllt wird.

Nur eine Frau sammelt seit Jahrzehnten Altglas: Margarita Llort, heute 72 Jahre alt. Vor 18 Jahren brachte sie ihr Sohn auf eine Idee, was man mit den hunderten von Flaschen machen könnte: Sie zerkleinern und in Kunsthandwerk verwandeln. Sie gründete eine dazu das Unternehmen Vitrales. In deren Ausstellungsräumen in Antiguo Cuscatlán, einem Vorort der Hauptstadt San Salvador, stehen heute Tischchen, Lampen, Schüsseln und Skulpturen, alles bunt und durchscheinend – recyceltes Altglas als Dekoration. Der Hof des Unternehmens ist heute die wahrscheinlich einzige Altglassammelstelle des Landes.

Die Idee mit den Deko-Objekten war naheliegend. Fernando Llort, der Cousin von Margarita, ist der wohl bekannteste Künstler El Salvadors. Seine naiven Motive von Tieren des Landes, von kolonialen Dorfkirchen, Vulkanen und einfachen Bauern und Bäurinnen, meist auf Holz oder Keramik gemalt, gehören zu den beliebtesten Souveniers des Landes. Er stellte seine Motive der Cousine zur Verfügung. Im Gegenzug gehen 25 Prozent des Erlöses an eine von ihm gegründete Stiftung, die sich um den Umweltschutz kümmert.

Margarita Llort stört es nicht, gewissermaßen geborgte Kunst zu verkaufen. „Ich habe mich nie als Künstlerin verstanden“, sagt sie. „Ich bin Handwerkerin. Ich arbeite mit meinen Händen, mit einem Glasschneider, Putzlappen und Klebstoff.“ Trotzdem kamen nach und nach auch eigene Motive dazu, zum Teil eher abstrakt, aber auch ein Abbild des von ihr geliebten im Frühjahr wild blühende Maquilishuat-Baums. Sie ist noch immer erstaunt über ihren Erfolg. „Ich habe nie verstanden, warum die Leute angefangen haben, so etwas zu kaufen“, sagt sie. „Vielleicht hat sie mein Enthusiasmus bei der Arbeit animiert.“ Ihre Firma hat heute 25 Angestellte, ihre Objekte werden von der Regierung gerne an Staatsbesuche verschenkt. In ihrem Büro hängen Fotos von der ehemaligen chilenischen Präsidentin Michelle Bachelet mit einem Torogoz aus ihrer Werkstatt in der Hand – dem bunten Nationalvogel El Salvadors mit seinen typischen langen Schwanzfedern. Daneben der ehemalige US-Präsident Barack Obama mit drei kleinen durchscheinenden Szenen vom Land. Das Arrangement einer Weihnachtskrippe aus Glas hat bei einem weltweit ausgeschriebenen Wettbewerb des Vatikans den zweiten Platz belegt.

„Angefangen haben wir mit Mosaiken auf Kaffehaustischen, Kästchen und Anrichteplatten“, erzählt die Chefin. Dann kamen die Fernando-Llort-Motive dazu, dann Lampen im Tiffany-Stil, große Objekte wie ein übermannshoher Baum mit einem sich umarmenden Paar darunter, schließlich auch Sonderanfertigungen von bunten Glasfenstern für Haustüren und sogar Kirchen.

„Wir haben am Anfang viel experimentiert und vieles ging auch daneben“, erinnert sich Margarita Llort. „Wir haben gelernt, dass das Altglas blitzblank sein muss, weil jeder Schmutzpartikel beim Brennen eine hässliche Warze ergibt.“ Sie wusste nicht, dass verschiedene Gläser verschiedene Schmelzpunkte haben und dass man in einem Objekt nur Glas mit den selben Schmelzpunkt verwenden kann. Sie belegte Kurse im Ausland, um mehr zu lernen über das Schmelzverhalten, das Mischen von Farben, oder wie man Schlieren und unterschiedliche Oberflächenstrukturen erzeugen kann. „Wir wollen nicht mit Objekten aus Keramik konkurrieren“, sagt Margarita Llort. „Wir wollen, dass man das Glas und seine verschiedenen Texturierungen auch sieht.“ Die Öfen – sperrige Kästen aus Beton – hat sie in den USA eingekauft. Sie stehen in der Werkstatt hinter dem Ausstellungs- und Verkaufsraum. 

Dort sitzen junge Männer, meist mit Schutzbrillen gegen Glassplitter geschützt, über große Tische gebeugt. Der eine zerstößt mit einem Mörser nach Farbe geordnete Glasstücke in grobes Granulat oder zu feinem Staub. Ein anderer schneidet die Schwanzfern für den Torogoz aus sauber geputzten Glasplatten, ein dritter lötet Metallstrukturen zusammen, die dann Stamm und Äste des Maquilishuat werden. Der Vogel und der Baum werden inzwischen in verschiedenen Größen in Serienproduktion hergestellt.

Im Werkstattbereich ist ein großer Saal, in dem die Werkstatt Kurse in Altglasverarbeitung anbietet. Wer will, kann dort sein eigenes Dekorationsobjekt herstellen. Die Deutsche Schule in San Salvador etwa schickt regelmäßig Gruppen, aber auch therapeutische Einrichtungen. Margarita Llort geht es nicht nur ums Geschäft. Aber der Verkauf ihrer Objekte ist eben doch die wirtschaftliche Basis des Unternehmens: „In El Salvador sind wir inzwischen gut bekannt, und trotzdem kämpfen wir jeden Tag ums Überleben.“ Die Firma soll deshalb wachsen. Vitrales will exportieren. „Ich kann mir vorstellen, dass wir in Umwelt- oder Dritte-Welt-Läden durchaus auch in Europa einen Platz finden können“, sagt Llort. Die örtliche Vertretung der deutschen „Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit“ hat ihr Kontakte zu entsprechenden Messen organisiert. Noch in diesem Jahr sollen der Torogoz und der Maquilishuat in Deutschland ausgestellt werden. „Wir sind glücklich darüber“, sagt die Verkaufschefin Carolina de Saade. „Aber wir haben keine Ahnung, wie unsere Objekte vom deutschen Publikum aufgenommen werden.“

Für das angestrebte Wachstum gibt es theoretisch mehr als genügend Altglas im Land. Aber das Bewusstsein, dass man Müll trennen und in Teilen wiederverwerten kann, ist in El Salvador nur sehr schwach entwickelt. Die Zahlen sprechen für sich: Beim letzten Zensus von 2007 wurden von der Müllabfuhr im ganzen Land jeden Tag durchschnittlich 2563 Tonnen Abfall eingesammelt. Er kam ungetrennt auf die Deponien. Diese Menge entspricht nach der Einschätzung des Umweltministeriums etwa 75 Prozent des tatsächlich anfallenden Mülls. Der Rest wird entweder im Hinterhof verbrannt oder einfach weggeworfen. Entlang der Straßen des Landes sieht es entsprechend aus. In der Sammelstelle von Vitrales aber wird so wenig abgegeben, dass die Firma schon jetzt für die rein auf den nationalen Markt ausgerichtete Produktion immer wieder Altglas aus dem Ausland aufkaufen muss.

Das müsste nicht so sein. Das Umweltministerium hat einen Gesetzesentwurf erarbeitet, in dem steht, dass „Müll dort getrennt werden muss, wo er entsteht, sei es in Haushalten, in Institutionen, im Handel oder in der Industrie.“ Man strebe eine „bessere Qualität der Abfallstoffe“ an, die dann „mit geringen Kosten weiterverwendet oder recycelt werden können und Personen, die sich dieser Arbeit widmen, bessere Preise garantieren“. Der Entwurf liegt seit Monaten in den zuständigen Ausschüssen des Parlaments. Sollte er eines Tages Gesetz werden, fehlt immer noch das nötige Bewusstsein in der Bevölkerung. Darum kümmert sich unter anderem die Umweltstiftung, die 25 Prozent des Verkaufserlöses der Altglasartefakte von Vitrol erhält.

Weltsichten 5/2018