Wider die Verachtung von Frauen

In El Salvador werden Frauen selbst nach Fehlgeburten wegen Mordes verurteilt. Eine Filmemacherin setzte gegen das mittelalterliche Abtreibungsrecht ein sehr persönliches Zeichen.

Von Toni Keppeler

In Mitteleuropa wäre das eine Geschichte, die man der besten Freundin erzählt. Es wäre kein Geständnis und schon gar kein Bekenntnis, sondern einfach eine Geschichte, die man irgendwann einmal erzählen muss. Marcela Zamora hat sie öffentlich erzählt, in „El Faro“, Lateinamerikas ältester und viel beachteter Internet-Zeitung, die in El Salvador erscheint. Der Titel ihres Textes: „Ich habe abgetrieben.“

In El Salvador ist das nicht nur ein Geständnis oder Bekenntnis, in El Salvador ist das ein Fanal. Das zentralamerikanische Land gehört – neben dem Vatikan, Nicaragua oder der Dominikanischen Republik – zu den weltweit ganz wenigen Staaten, in denen ein Schwangerschaftsabbruch unter allen Umständen verboten ist. Unter wirklich allen. Selbst zehnjährige Mädchen, die nach einer Vergewaltigung schwanger werden, müssen die Leibesfrucht austragen. Krebskranken schwangeren Frauen wird eine Chemotherapie verweigert, weil die den Fötus schädigen könnte. Es gibt selbst Fälle, in denen Frauen nach Fehlgeburten verurteilt wurden. Und das nicht nur zu acht Jahren Haft, der Höchststrafe für eine Abtreibung. Siebzehn Frauen wurden zu dreißig bis vierzig Jahren verurteilt, weil das Ableben des Fötus von den Gerichten als Mord bewertet wurde.

Dabei ist noch nicht einmal klar, was eine Abtreibung im juristischen Sinn eigentlich ist. Im Strafrecht ist weder die Grenze zwischen einem Schwangerschaftsabbruch und einer eingeleiteten Geburt definiert, noch der Unterschied zwischen einer Abtreibung (spanisch: aborto provocado) und einer Fehlgeburt (aborto espontáneo). Der entsprechende Artikel 133a spricht einfach nur von „aborto“.

„Ich war mir nicht im Klaren darüber, ob das, was ich vor über zehn Jahren in einem anderen Land erlebt habe, mich in El Salvador ins Gefängnis bringen würde“, schreibt Marcela Zamora. „Ich habe nachgeforscht. Ich kann es erzählen.“ In welchem Land der Eingriff vorgenommen wurde, sagt sie nicht. In El Salvador sind nationale Gefühle oft mit der Abwertung anderer lateinamerikanischer Länder verbunden. Dieses so einfache wie substanzlose Argument wolle sie ihren Gegnern nicht freiwillig liefern, sagt sie im Gespräch. Der Ort soll auch hier verschwiegen werden.

Ihr Text erzählt in ganz schlichten und eben deshalb ergreifenden Worten ihre Geschichte: Dass sie sich unwohl gefühlt habe, zum Arzt gegangen sei, und der habe, obwohl sie damals die Pille nahm und regelmäßig ihre Periode hatte, eine Schwangerschaft festgestellt. Bei einer Ultraschalluntersuchung stellte sich heraus: der Fötus hatte ein großes Blutgerinnsel am Kopf. Der Arzt riet zu einer sofortigen Abtreibung. Sollte der Fötus sich lösen und absterben, sei ihr Leben in Gefahr.

Sie fragte nach anderen Möglichkeiten. Einen Monat Bettruhe und dann eine weitere Untersuchung, meinte der Arzt. Nach einer Woche fühlte sie sich noch elender, ging wieder zum Arzt, und der stellte weitere Blutgerinnsel am Fötus fest. Am selben Nachmittag wurde der Eingriff vorgenommen. Kostenlos, von spezialisierten Ärzten, in einem öffentlichen Krankenhaus. „Ich habe nicht geweint. Ich fühlte mich nicht wie ein schlechter Mensch“, schreibt Zamora. „Ich habe nur entschieden, dass ich mein Leben und auch die Gelegenheit, irgendwann einmal Mutter zu sein, nicht verlieren wollte.“ Sie hat heute eine vierjährige Tochter.

Marcela Zamora ist in El Salvador nicht irgendwer. Sie ist die bekannteste Dokumentarfilmerin des Landes, hat internationale Preise gewonnen. Die Lateinamerika-Ausgabe der Zeitschrift „Forbes“ zählt sie in ihrem jüngsten Ranking zu den einflussreichsten Frauen Zentralamerikas. Die 36-Jährige hat in ihre für zentralamerikanische Verhältnisse hellen Haare mit blondierten Strähnchen noch heller gemacht. Ihre Haut ist weiß, man sieht ihr europäische Vorfahren an. So etwas schätzt man in der lokalen Elite. Man sieht dann gerne darüber hinweg, dass diese weiße Haut voller Tatoos ist. Sie ist eben ein bisschen verrückt, Kinoleute sind so. Was zählt, ist Erfolg und ein guter Name. Marcela ist die Tochter von Rubén Zamora, der im Bürgerkrieg (1980 bis 1992) einer der führenden Köpfe der zivilen Opposition war. Gemeinsam mit ihrem Vater hat sie damals das Bombenattentat einer rechten Todesschwadron überlebt. Nach dem Krieg war Zamora der erste Präsidentschaftskandidat der Linken, heute ist er Botschafter El Salvadors bei den Vereinten Nationen. Marcela gehört zu den besseren Kreisen.

„Natürlich spielt es eine Rolle, wer diesen Text geschrieben hat“, sagt sie. Abtreibung werde als ein Problem von armen und ungebildeten Frauen dargestellt. Für die Töchter der Mittel- und Oberschicht gibt es schon immer Möglichkeiten, für ein paar hundert Dollar im Land abtreiben zu lassen, für Summen im vierstelligen Bereich auch ganz legale im Ausland. „Die Gesetzgebung ist nicht nur frauenfeindlich, es handelt sich auch um Klassenjustiz.“

Tatsächlich kommen die siebzehn Frauen, die wegen „Mordes“ an einem Fötus zu Haftstrafen von zwischen dreißig und vierzig Jahren verurteilt wurden, allesamt aus Armenvierteln. Sie haben als Hausangestellte gearbeitet oder in einer der vielen Schwitzbuden der Textilindustrie, keine ging länger als drei Jahre zur Schule. Bei keiner ist klar, ob sie tatsächlich abgetrieben hat. Bei etlichen ist offensichtlich: Es handelte sich um eine Fehlgeburt. Drei konnten in langen juristischen Schlachten von Anwälten der Agrupación Ciudadana, die sich seit Jahren um die Opfer der Abtreibungsgesetzgebung kümmert, wieder befreit werden.

María Teresa (der Nachname wird zum Schutz ihrer Familie verschwiegen, sie selbst hat in Schweden politisches Asyl erhalten) ist eine von ihnen. Sie arbeitete in einer Textilfabrik in San Salvador und brach dort am 24. November 2011 auf der Toilette zusammen. Sie wurde mit schweren Blutungen ins Krankenhaus gebracht. Die behandelnde Ärztin zeigte sie wegen des Verdachts auf eine Abtreibung an. Ein Richter urteilte ohne jeglichen Beweis: der Fötus sei „durch schlechte Behandlung und Aggression durch die Mutter“ abgestorben. Vierzig Jahre Haft wegen Mordes. Im Mai vergangenen Jahres urteilte ein Berufungsgericht: „Es gibt keine schlüssigen Beweise, dass sie ihren Sohn umgebracht hat.“ María Teresa kam frei.

In der Provinzstadt San Francisco Gotera im Osten des Landes traten bei einer dort üblichen Hausgeburt Komplikationen auf. Die 22-jährige Gebärende wurde ins Krankenhaus gebracht, das Kind starb bei der Geburt. Das Gericht stellte „mangelnden Mutterinstinkt“ fest, die Frau „hätte ihren Fötus beschützen müssen“. Mord, dreißig Jahre Haft.

Manuela (auch ihr Nachname wird zum Schutz der Angehörigen verschwiegen) litt an Lymphkrebs und wahrscheinlich hing ihre Fehlgeburt damit zusammen. Sie wurde trotzdem vom Personal des behandelnden Krankenhauses wegen Abtreibung angezeigt. Sie starb ein paar Wochen später, mit Handschellen ans Krankenbett gefesselt. Eine Chemotherapie war ihr verweigert worden.

Die mittelalterliche Gesetzgebung und ihre Auslegung ist gerade einmal zwanzig Jahre alt. Vorher galt in El Salvador eine Indikationslösung: Frauen war nach einer Vergewaltigung, bei Gefahr für ihre Gesundheit, bei schwerer Missbildung des Fötus und bei Schwangerschaften auf Grund von Zwangsprostitution ein Abbruch erlaubt. 1997 aber forderte der damalige Erzbischof von San Salvador Fernando Sáenz Lacalle, ein Mann des elitistisch reaktionären Opus Dei, eine Verschärfung. Er schickte so lange die Kinder der zahlreichen katholischen Privatschulen zu Demonstrationen auf die Straße, bis das Parlament einbrach und den „Schutz des Lebens vom Augenblick der Empfängnis an“ in die Verfassung schrieb. Kurz darauf wurde das Strafrecht angepasst. Sogar ein paar Abgeordnete der ehemaligen Guerilla FMLN stimmten dafür. Es standen Wahlen an und man glaubte, damit die Stimmen von stockkonservativen Gläubigen gewinnen zu können.

2010 monierte der Uno-Menschenrechtsrat die Gesetzgebung und ihre Auslegung in einer Resolution. Das Strafrecht müsse internationalen Abkommen über politische und zivile Rechte angeglichen werden, die von El Salvador ratifiziert worden sind. Die Regierung, die seit 2009 von der FMLN gestellt wird, saß diese Resolution lange aus – wohl aus Angst vor katholischen Demonstrationen. Im Sommer vergangenen Jahres brachte dann der Abgeordnete Ricardo Velásquez Parker von der ultrarechten Arena-Partei einen Gesetzesvorschlag ein, nach dem das Strafmaß für Abtreibungen dem von Morden angeglichen werden solle. Die FMLN-Abgeordnete Lorena Peña konterte mit einem Gegenvorschlag, der zurück will zur alten Indikationslösung. Beide Gesetzesinitiativen liegen derzeit bei einer Parlamentskommission, die darüber entscheiden muss, ob sie im Plenum verhandelt werden.

„Ich bin eigentlich gar keine Feministin“, sagt Marcela Zamora. „Ich habe immer Distanz gehalten zur Frauenbewegung.“ Die entsprechenden Organisationen hingen am Tropf europäischer Geldgeber und ließen sich von diesen beeinflussen. Ihre Vorstellungen seien eher europäisch denn zentralamerikanisch: „Ich kann von Frauen, die misshandelt werden, nicht verlangen, dass sie ihre Männer anzeigen“, sagt sie. „El Salvador ist ein gewalttätiges Land. Damit schickt man die Frauen direkt in den Tod.“ In ihren Filmen beschäftigt sie sich mit sozialen Themen und Menschenrechten, mit dem Schicksal von Migrantinnen, mit dem von Folteropfern während der Militärdiktatur. Sie nähert sich ihren Sujets eher mitfühlend als analytisch, und es war Mitgefühl mit den Frauen im Gefängnis, das sie zum Schreiben ihres Textes veranlasst hat.

„Er lag drei Monate lang auf meinem Schreibtisch“, erzählt sie. „Ich habe ihn immer wieder zusammen mit befreundeten Journalisten überarbeitet, habe die Überschrift drei Mal geändert.“ Dann habe sie ihr Partner überzeugt: Wenn sie sich schon oute, dann richtig: „Ich habe abgetrieben.“

An dem Tag, an dem der Text erschienen ist – es war der 31. Januar – hat sie das Haus nicht verlassen und ihre Tochter nicht in den Kindergarten geschickt. „Ich dachte, man würde mich in Stücke reissen.“ Ihre Konten auf den sozialen Netzwerken und ihr Mailpostfach liefen über. Sie bekam weit über tausend Hassmails. „Hunderte wünschten, ich wäre besser abgetrieben worden, und alle argumentierten mit Gott.“ Aber auf je zwei Hassmails kam eine sehr nachdenkliche, sogar von evangelikalen Pastoren. „Ich habe über eine Woche damit verbracht, diese Post zu beantworten.“

„Das Thema Abtreibung wurde vorher nur sehr abstrakt behandelt oder als ein Problem, das es nur in den Armenvierteln gibt“, sagt Sara García von der Agrupación Ciudadana. „Marcela hat ihm ein Gesicht gegeben und das ist eine ganz neue Qualität.“ Das Thema ist seither in der Öffentlichkeit präsent.

„Ich habe eine Debatte angestoßen“, sagt Zamora. An einen schnellen Erfolg glaubt sie nicht. So war das auch 1971, als zuerst im französischen „Nouvel Observateur“ und dann im deutschen „Stern“ hunderte von Frauen in großen Titelgeschichten bekannten: „Wir haben abgetrieben.“ Bis zu einer wirklichen Liberalisierung des Abtreibungsrechts dauerte es dann noch Jahre. Aber ein Anfang war gemacht.

woz, 6.4.2017